G20 – EMPÖRT EUCH!

Seit ca. fünf Jahren setze ich mich für umwelt-politische Themen ein und kämpfe mit Herzblut besonders für eine Welt ohne fossile Brennstoffe.
Während dieser Zeit hatte ich sehr oft das Gefühl der kompletten Ohnmacht,
weil mir mein Engagement immer wieder hoffnungs- und damit
sinnlos vorkam. Am schlimmsten war es, als Trump an die Macht kam und
Rex Tillerson, der ExxonMobile-Chef, zum Außenminister wurde. Zu diesem
Zeitpunkt ist mir so richtig bewusst geworden, wie klein ich bin und
wie groß „die Bösen“ sind. Doch es macht gar keinen Sinn, so zu denken.
Denn nicht zu kämpfen, ist keine Lösung. Also weitermachen, die Wut in
Tatendrang umwandeln und vor Ort Dinge bewegen.

Es beginnt nicht bei der Eskalation
Dann kamen die Mächtigsten der Welt nach Hamburg und legten für mehrere
Tage das komplette normale Leben in der Hansestadt lahm – nur um
so zu tun, als ob sie ihre Macht sinnvoll und zum Wohle der Menschheit
einsetzen würden. In Anbetracht der Tatsache, dass sie für den katastrophalen
Zustand unserer Welt verantwortlich sind, ist so ein Treffen für
Leute wie mich die reinste Provokation. Natürlich fahren wir nach Hamburg,
um zu zeigen, dass uns ihr Umgang mit uns Menschen und unserer
Erde nicht in den Kram passt! Denn zum Glück leben wir [noch] in einem
Land, in dem man für die freie Meinungsäußerung nicht direkt inhaftiert
oder erschossen wird. Meine Erfahrungen in Hamburg sowie die anderer
Demonstrant*innen und Aktivist*innen tendierten aber leider sehr stark in
die Richtung eines solchen Szenarios: Die Räumung eines DemonstrantenCamps,
bei der die Polizei die Gewaltenteilung einfach ignorierte, sowie
das fast 60 km² große Demonstrationsverbot um den Gipfel herum und
die damit verbundene Einschränkung der Pressefreiheit sind drastische
und schmerzhafte Eingriffe in unsere Grundrechte. Derartige staatliche
Einschnitte erinnern an die politische Situation in der Türkei. Während
sich die Machthaber Deutschlands noch darüber beschweren, wie dort die
Meinungs- und Demonstrationsfreiheit mit Füßen getreten wird, kommt es
hierzulande zu ähnlichen Situationen. Deshalb waren mir die Aufschreie
diesbezüglich viel zu leise. So etwas darf nicht passieren! Das war also die
Basis, auf der wir [nicht] demonstrieren durften. Darum war es umso wichtiger,
diese Verbote zu übergehen.

„Krieg im Norden“
In Hamburg angekommen, habe ich mich von der Polizeipräsenz innerlich
extrem erdrückt gefühlt. Außerdem fing die Wut in mir an zu kochen. Diese
Gefühle zu zügeln und in einer für mich angemessenen Weise zum Ausdruck
zu bringen, fiel mir und meiner Bezugsgruppe sehr schwer. Dennoch
waren wir uns einig, dass gewalttätige Straftaten für uns nicht in Frage
kommen. Donnerstagabend hielten wir uns am Hafen auf, sahen die ersten
brennenden Straßenblockaden und das riesige Polizeiaufgebot auf der
Reeperbahn. Im Laufe des Abends schlossen wir uns der Welcome to HellDemo
an, um unsere antikapitalistische Haltung kund zu tun. Nach einiger
Zeit liefen wir neben einem schwarzen Block, als die Polizei plötzlich an
einer Straßenkreuzung mit mehreren Wasserwerfern den Demonstrationszug
durchtrennte. Anfangs standen wir noch vorne und beobachteten den
Verlauf der Lage. Doch dann kam eine Hundertschaft Polizisten auf uns zu,
die auch Tränengas einsetzte. Als friedliche, unvermummte Demonstrantin,
die nicht, wie einige andere, die Polizei mit Gegenständen beworfen hatte,
hätte die Polizei eigentlich keine Gefahr für mich darstellen dürfen. Aber
so funktionierte das nicht. Die Demonstration sollte unter allen Umständen
aufgelöst werden und deshalb war es nicht damit getan, einzelne Straftäter
herauszupicken. So kam es zum ersten Mal dazu, dass ich vor der Polizei
wegrennen musste, was sich wie ein Albtraum anfühlte. Während neben
mir Demonstrant*innen niedergeschlagen wurden und eine Art Massenpanik ausbracht, habe ich nur gehofft, nicht zu stolpern und so der Polizei zum
Fraß vorgeworfen zu werfen. Beachtlich fand ich an diesem Abend die Solidarität unter den Demonstant*innen. Meine Bezugsgruppe hatte ich längst
verloren, als ich in die Ecke eines Grundstücks gedrängt wurde. Dort hat mir
dann aber eine Fremde über einen Zaun geholfen und mich so in Sicherheit
gebracht. Zum Glück ist mir körperlich nichts passiert, es war aber mehrfach
knapp.

Molotovs für die Snapchat-Story
Nicht nur die physische, sondern auch die psychische Gewalt, die in dieser
Nacht von der Polizei ausgeübt wurde, ist für mich nicht nachvollziehbar
und mindestens genauso schlimm und nachhaltig verletzend wie die sogenannten „linken Krawalle“.  Doch auch Letztere erschüttern mich – vor allem nachdem ich folgende Situation miterlebt habe: Nachdem ich mich vor der Polizei in Sicherheit gebracht hatte, begegnete ich zwei halbstarken Jugendlichen – beide stylisch in schwarz gekleidet mit Nike und North Face. Mit
ihren gegelten Haaren und Bauchtaschen sahen sie aus wie eine neue Generation cooler Autonomer. Ich habe diese Bewegung noch nicht ganz verstanden, aber folgender Wortwechsel lässt mich vermuten, dass diese Jungs politischen Aktivismus in der linken Szene für eine trendige Aktivität halten, um einen interessanteren Snapchat-Verlauf zu generieren: Der eine fragte den
anderen, ob dieser noch etwas Pepp haben würde. Er hätte vor Kurzem was
gezogen und es würde „richtig steil gehen”. Wissen solche Leute überhaupt
was G20 ist? Bei so viel Idiotismus fehlen mir die Worte.

Wir sind friedlich, was seid Ihr?
An meinem Schlafplatz angekommen war ich ziemlich erschöpft und konnte
trotzdem kaum schlafen, weil meine Träume voll von Eskalationsszenen
waren. Noch immer versuche ich zu verstehen, was genau der Auslöser dafür
war, dass die Welcome to Hell-Demo so gewalttätig beendet wurde, aber
es gelingt mir einfach nicht.
Freitagmorgen sind wir dann mit dem feministischen Block Lila Finger in
die Demonstrationsverbotszone, um mit der Aktion Colour the Red Zone
die Zufahrtswege zum Kongresscenter zu blockieren und den Ablauf des
Gipfels zu stören. Aber die Polizei war zu gut aufgestellt und vorbereitet,
sodass wir schon in der ersten halben Stunde geteilt und eingekesselt
wurden. Darauf folgte ein stundenlanges Hin und Her zwischen Polizei
und Demonstrant*innen. Immer wieder wurde gerufen: „Wir sind friedlich,
was seid ihr?!“ Denn wir waren tatsächlich friedlich und haben lediglich
versucht, untereinander fest eingehakt weiter in Richtung „Rote Zone” vorzudringen. Die Polizei hingegen hat das mit Faustschlägen in die Gesichter
von Demonstrat*innen, Schlagstockeinsätzen und Pfefferspray beantwortet.
In einer Gruppe von nur ca. 200 Menschen ist das ein heftiger und absolut
unverhältnismäßiger Gegenschlag. Die Polizei verlor immer mehr die Nerven
– vor allem, weil andere Demonstrant*innen tatsächlich Fahrzeuge blockiert
hatten und es bei der G20-Sitzung zu Verspätungen kam.

Ist es das wert?
Freitagabend ist dann all das passiert, was tagelang die Medienwelt prägte. In
der Schanze formatierten sich Aktivist*innen, Radikale, Demonstrant*innen
und Tourist*innen um … ich weiß nicht genau, was das Ziel war. Um die Unzufriedenheit mit der Gesamtsituation auszudrücken? Anarchie  durchzusetzen und auszuleben? Sich zu widersetzen? Oder einfach nur, um besoffen und möglicherweise auf Drogen Unfrieden zu stiften? Die Meinungen dazu gehen auseinander und die Sinnhaftigkeit der Aktionen an diesem Abend wird immer noch hinterfragt und diskutiert. Es war, glaube ich, ein Mix aus sehr
vielem. Man kann nicht sagen, dass waren „die Linken” gegen die Polizei. Wer
sind denn überhaupt „die Linken”? Leider sind mir an diesem Abend wieder
sehr viele Zuschauer*innen und Partydemonstrant*innen aufgefallen. Klar,
es ist berauschend, mit so vielen Menschen auf der Straße zu sein und einen
Hauch von Anarchie zu spüren. Aber der Widerstand gegen das System und
seine Politik sowie die Maßnahmen der Polizei müssen mit klarem Kopf und
Ernsthaftigkeit durchgesetzt werden. Ob es das durchdachte Ziel Linksautonomer war, jegliche thematisch vertiefteren Debatten über G20 mit Gewaltexzessen komplett aus der Medienlandschaft zu verbannen weiß ich leider auch nicht. Wenn das so wäre, sehe ich nicht wirklich, wie ein Wandel passieren soll, wenn man die Mehrheit der Bevölkerung gegen sich statt gegen den wahren Feind aufbringt.

Und jetzt?
Wenn wir einen Wandel im politischen und wirtschaftlichen System haben
wollen, müssen wir weiter kämpfen. Wir müssen friedlich und gemeinsam
mit Tausenden bunt und laut durch die Straßen ziehen. Wir müssen Handelswege blockieren, Konzerne stressen und Gipfel stören. Wie viel Gewalt
und Zerstörung nötig ist und ab welchem Punkt es niemandem was bringt,
ist eine Frage, die für mich leider in den Tagen von G20 nicht beantwortet
wurde. Obwohl ich persönlich es mir wünsche, weiß ich, dass eine gewaltige
Revolution mit nachfolgender Anarchie oder Kommunismus nicht funktionieren würde. Denn das ist nicht der Wunsch der Allgemeinheit und die
wenigsten – wenn überhaupt jemand – ist reif genug dafür. Wir müssen also
einen Weg finden, den gewünschten Lebensstandard der westlichen Welt
aufrecht zu erhalten, ohne dass andere dafür bezahlen müssen. Wir müssen
eine Demokratie kreieren, in der jede*r sich gehört und vertreten fühlt.
Und dafür ist auf jeden Fall eine Revolution nötig! Wie diese aussehen wird,
sehen wir hoffentlich in den nächsten Jahren.

Dieser Artikel erschien in der 7. Ausgabe des VONWEGEN Magazins.

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